Gewaltschutz
Studie der Universität Bielefeld liefert erstmalig repräsentative Daten zu Belastungen, Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen sowie zur Lebenssituation von Frauen mit Behinderungen in Deutschland
Erste Ergebnisse der Studie "Lebenssituation, Belastungen, Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen von behinderten Frauen in Deutschland" wurden auf einer Veranstaltung des Weibernetz, der bundesweiten politischen Interessenvertretung behinderter Frauen, veröffentlicht.
Die Studienergebnisse bestätigen die Erwartungen vieler Expert/innen: Frauen
mit Behinderung sind zu einem weit höheren Anteil in ihrem Leben von
Gewalt, Übergriffen und Diskriminierung betroffen als der Durchschnitt
der weiblichen Bevölkerung.
Ein beispielhaftes Projekt als Prävention und zum Schutz vor Gewalt war
das Pilotprojekt `Frauenbeauftragte in Einrichtungen der Behindertenhilfe‘
von Weibernetz e.V. in Kooperation mit Mensch Zuerst – Netzwerk People
First Deutschland e.V. „Es sollte in allen Wohnheimen und Werkstätten
Frauenbeauftragte geben! Dazu bedarf es einheitlicher Regelungen im Gesetz
oder in Verordnungen wie der Werkstättenmitwirkungsverordnung“,
fordert Magdalene Ossege vom Vorstand des Weibernetz e.V..
Zugleich muss das spezialisierte Hilfesystem, bestehend aus Frauenberatungsstellen,
Frauennotrufen, Interventionsstellen und Frauenhäusern, sich noch mehr
gegenüber Frauen mit unterschiedlichen Behinderungen öffnen. Dafür
setzt sich der Bundesverband Frauennotrufe und Frauenberatungsstellen - bff e.V. mit dem Projekt Zugang für alle! ein. Viele Fachstellen
gehen bereits verstärkt auf behinderte Frauen zu und unterstützen
sie. „Häufig fehlt den Stellen dafür aber das nötige
Geld. Wir erhoffen uns von den Studienergebnissen, dass viele Geldgeber/innen
nun auch den Handlungsbedarf erkennen“, sagt Katharina Göpner,
die das Projekt Zugang für alle! im bff bearbeitet.
Leitfaden für Mitarbeiterinnen von Frauenhäusern und Frauenberatungsstellen
Die oben beschriebene BMFSFJ Studie hat gezeigt, dass gewaltbetroffenen Frauen mit Behinderung der Zugang zu Beratungs- und Schutzeinrichtungen aufgrund vielfältiger Barrieren erschwert wird. Es gibt sehr wenige TherapeutInnen, die auf die Bedürfnisse von Frauen mit Behinderung eingerichtet sind, dies betrifft v.a. Frauen mit Lernbehinderung. Frauenberatungseinrichtungen, die Angebot für Frauen mit Behinderung erweitern möchten, bietet ein neu herausgegebener Leitfaden für Mitarbeiterinnen von Frauenhäusern und
Frauenberatungsstellen zum Erstkontakt mit gewaltbetroffenen Frauen mit
Behinderung Unterstützung. Erstellt wurde der Ratgeber von Weibernetz, der bundesweiten politischen Interessenvertretung behinderter Frauen, dem bff: Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe - Frauen gegen Gewalt und der Frauenhauskoordinierung.
Der Leitfaden gibt Anregungen, welche Aspekte bei welcher Beeinträchtigung dringend zu beachten sind. Neben
konkreten Fragen für den Erstkontakt gehören dazu z.B. die Voraussetzungen, die in einem Frauenhaus oder einer Fachberatungsstelle gegeben sein müssen, um eine blinde Frau, eine Frau im Rollstuhl, eine Frau mit
Lernschwierigkeiten etc. zu unterstützen und zu beraten.
Entlastung der Pflegenden ist wichtige Voraussetzung zum Schutz vor Gewalt
Das NetzwerkBüro schließt sich einer Pressemitteilung des Sozialverband Deutschland (SOVD) an:
„Wer Gewalt in der Pflege verhindern will, muss auch für angemessene Arbeitsbedingungen der haupt- und ehrenamtlich Pflegenden sorgen. Chronische Zeitnot, Überlastung und Überforderung lassen pflegenden Angehörigen und professionellen Pflegekräften wenig Spielraum, um mit Pflegesituationen, in denen es zu Gewalt kommen kann, deeskalierend umzugehen. Eine Verbesserung der Personalausstattung der Pflegeeinrichtungen und ein deutlich höherer Anteil professioneller Pflege und Betreuung zu Hause, der von der Pflegeversicherung bezahlt wird, sind aus Sicht des SoVD NRW notwendige Voraussetzung für eine gewaltfreie Pflege.
Es ist Gewalt, wenn Pflegebedürftige künstlich ernährt werden, Windeln tragen und beruhigende Medikamente nehmen müssen, allein weil den Pflegekräften die Zeit für die bedarfsgerechte Betreuung beim Essen, Toilettengang und in der Nacht fehlt. Es ist auch Gewalt, wenn die pflegende Tochter die demenzerkrankte Mutter für eine Stunde einschließen muss, weil sonst der Zusammenbruch droht.
Zwei Drittel der rund 509.000 in NRW als pflegebedürftig anerkannten Menschen, werden von Familienmitgliedern zuhause gepflegt. Zwei Drittel dieser Angehörigen wiederum pflegen ohne professionelle Unterstützung und Entlastung. Im Falle von demenzerkrankten Pflegebedürftigen leisten sie nicht selten bis zu 60 Stunden Pflegearbeit in der Woche.
Der Umfang häuslicher Unterstützung durch professionelle Pflegedienste, der von der Pflegeversicherung übernommen wird, ist viel zu gering. Die Personalausstattung in den Heimen reicht ebenfalls bei Weitem nicht aus, um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden.“
Informationen zu Gewaltschutz in Leichter Sprache
Eine Mitgliedsgruppe
vom Netzwerk Leichte Sprache hat ein Heft zu Frauenhäusern erstellt.
Das Heft gibt es
nicht gedruckt, aber jede kann es sich herunterladen
und weiter
empfehlen:
http://www.frauenhauskoordinierung.de/fileadmin/redakteure/pdfs/Medienpaket/Frauen-Haeuser_in_Deutschland_Leichte_Sprache_web.pdf
Sexuellen Missbrauch auch in Einrichtungen der Behindertenhilfe bekämpfen
Nicht nur Klöster und Internate, sondern auch die Einrichtungen der Behindertenhilfe müssen sich verstärkt dem Thema "sexueller Missbrauch" stellen, verlangt die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. - ISL. "Wir fordern alle Institutionen der Behindertenhilfe auf, die Tradition des Wegschauens und Vertuschens zu beenden und stattdessen sexuellen Missbrauch in ihren Einrichtungen ohne Tabus aufzudecken und zu bekämpfen," sagte Geschäftsführerin Sigrid Arnade gegenüber kobinet.
Es sei hinlänglich bekannt, dass behinderte Menschen noch häufiger Opfer sexueller übergriffe werden als nichtbehinderte Frauen und Männer: In einer Entschließung des Europäischen Parlaments vom April 2007 heißt es laut Arnade, dass das Risiko von Frauen mit Behinderungen, Opfer sexueller Gewalt zu werden, dreimal so hoch ist wie von Frauen ohne Behinderungen. Strukturelle Bedingungen in Institutionen begünstigen oftmals die Gewalt. So berichteten zwei österreichische Studien zur sexuellen Gewalt in Einrichtungen, dass 64 Prozent der befragten Frauen mit Behinderungen und 50 Prozent der befragten Männer mit Behinderungen bereits sexuelle Gewalt erlebt haben. Deshalb seien auch behinderte Menschen über ihre Organisationen in die geplanten runden Tische zu diesem Themenkomplex einzubeziehen.
Es ist nach Arnades Angaben davon auszugehen, dass sexuelle Gewalt in allen Einrichtungen der Behindertenhilfe vorkommen kann, seien es Wohnheime, Werkstätten für behinderte Menschen, Berufsbildungs- oder Berufsförderungswerke. Allen behinderten Menschen in solchen Institutionen müssen Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurse angeboten werden, um sie darin zu bestärken, nein zu sagen und sich zu wehren," fordert Arnade. Außerdem müssten sie Zugang zu externen Beratungsstellen haben. Des Weiteren sei jeder und jedem MitarbeiterIn deutlich zu machen, dass sexueller Missbrauch nicht geduldet werde. Jeder Verdacht sei zur Anzeige zu bringen. Zur Aufarbeitung der vergangenen und gegenwärtigen Missbrauchsfällte warnt Arnade: "Mit der Aufdeckung der Taten darf nicht gewartet werden, bis sie verjährt sind. Mit der Aufklärung muss jetzt begonnen werden, und zwar sofort!"
Kontakt: Dr. Sigrid Arnade
Tel.: 030/4057 1412
mail: sarnade@isl-ev.de
LAUTERSTARKEFRAUEN - Projekt zur Prävention und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen mit Behinderung und chronischer Erkrankung

Mit dem Projekt LAUTERSTARKEFRAUEN möchte die BAG SELBSTHILFE e.V. mit ihrem Arbeitskreis Frauen mit Behinderung und chronischer Erkrankung einen Beitrag leisten zur Enttabuisierung des Themas Gewalt gegen Frauen mit Behinderung. Das Projekt wird durchgeführt in Kooperation mit der LAG SELBSTHILFE NRW und dem NETZWERKBÜRO Frauen und Mädchen mit Behinderung/chronischer Erkrankung NRW.
Schweigen bereitet den Nährboden
Gewalt stellt eines der größten Gesundheitsrisiken für Frauen dar. Das Thema Gewalt gegen Frauen findet inzwischen mehr und mehr gesellschaftliche Beachtung. Dagegen wurde lange tabuisiert, dass auch Frauen mit Behinderung von Gewalt betroffen sind
Der Artikel, erschienen in der SELBSTHILFE 2 / 2008 (Zeitschrift der BAG Selbsthilfe e.V.), steht hier als Bilddatei und hier als Worddokument hier zur Verfügung.

