Projekte

  • LauterStarke FrauenProjekt zur Prävention und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen mit Behinderung und chronischer Erkrankung
  • Depressionen und psychosomatische Störungen bei Behinderung/chronischer Erkrankung als Thema im Fokus der SelbsthilfeDepressionen und psychosomatische Störungen bei Behinderung/chronischer Erkrankung im Fokus der Selbsthilfe unter genderspezifischen Aspekten

Aktuelles

26 Jahre Netzwerk! Wir sind hier und wir sind viele: Gemeinsam. Verändern. Mit Ihnen?

Wenn Sie mit anderen aktiv werden oder 3-4 mal im Jahr unseren Infobrief erhalten möchten: (Kopie)

Rufen Sie an unter 0251 - 51 91 38 oder schreiben Sie uns an info@netzwerk-nrw.de. Wir freuen uns auf Sie!
Aktuelle Informationen zu unserer Arbeit finden Sie auch in den sozialen Medien:
facebook.com/Netzwerkerinnen  und instagram.com/die_netzwerkerinnen 

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Frauen-Protest zum 5. Mai

Wir fordern Gewaltschutz ohne Barrieren!

Eine zierliche Frau mit Brille, gelbem Pullover, roter Leggings sitzt vor einer lila Wand im blauen Rollstuhl. Links davon unter dem grünen Netzwerk-N steht: Oberlinhaus : 4 Menschen mit Behinderung getötet. "Überforderung ist keine Rechtfertigung!"

Das Netzwerk Frauen und Mädchen mit Behinderung / chronischer Erkrankung NRW fordert am 5. Mai, dem Europäischen Protesttag der Menschen mit Behinderung, Gewaltschutz ohne Barrieren.

„Frauen mit Behinderung leben in ganz Europa mit erhöhtem Gewalt-Risiko, aber schlechterem Zugang zu Prävention, Justiz und Opferschutz,“ kritisiert Claudia Seipelt-Holtmann, eine der Netzwerk-Sprecherinnen. Das Netzwerk setzt sich seit seiner Gründung in NRW für einen besseren Gewaltschutz für Frauen und Mädchen mit Behinderung ein und weiß, was fehlt. Zu seinen Forderungen zählen:

  • Ausreichende Ressourcen für Barrierefreiheit der Frauenberatungsstellen und Frauenhäusern, vom Rollstuhlgerechten Zimmer über Beratung z.B. in Leichter Sprache bis zur Bereitstellung barrierefreier Informationen
  • Barrierefreiheit auch innerhalb der ganzen Angebotspalette im Umfeld von der Spurensicherung nach Gewalt bis zur Psychotherapie
  • Aufsuchende Angebote der Beratung und Hilfe für Frauen (und nicht-binäre Personen), besonders bei Einschränkungen der Mobilität und Bedarf an Mobilitätsunterstützung
  • Barrierefreie Angebote auch für Männer mit Beeinträchtigung, als Opfer genau wie als Täter, bei Beratungsstellen ebenso wie Schutz- und Hilfe-Angeboten
  • Öffentlichkeitswirksame Aufklärung und Kampagnen zum Zusammenhang zwischen diskriminierender Sprache und Gewaltbereitschaft gegen Frauen (und Männer) mit Behinderung

„Wir wollen im Gewaltschutz von Anfang an mitberücksichtigt werden, als Frauen ebenso wie als Menschen mit Behinderung “ sagte Netzwerk-Sprecherin Gertrud Servos. Neben der weiter hohen Gewalt im Nahraum und der sexualisierten Gewalt haben zwei Ereignisse die Netzwerk-Frauen besonders schockiert: Die zu Jahresbeginn bekannt gewordenen gewaltsamen Übergriffe im westfälischen Wittekindshof und der gewaltsame Tod von 4 Bewohner*innen der Wohneinrichtung Oberlinhaus in Potsdam Ende April.

Der regelmäßige Bedarf an Assistenz oder Therapie macht das Leben vieler Frauen mit Beeinträchtigung komplex. Der Umgang mit vielen Menschen erhöht das Gewaltrisiko. Gerade deshalb fordert das Netzwerk den gesellschaftlichen Willen und die generelle Haltung, Frauen mit Behinderung in ihren selbstbestimmten Grenzen zu respektieren und den Gewaltschutz entsprechend weiterzuentwickeln.

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Intersektional arbeiten? Mit Migrationserfahrung und mit Behinderung? Wir befragen Aleksandra Gajek (Agisra, Köln) zu einer Stellenausschreibung

Eine aktuelle agisra-Stellenausschreibung erinnerte uns an eine häufige Leerstelle in der Behindertenbewegung, auch in unserer Arbeit: Gewalt im Leben von Frauen mit Migrations- oder Fluchterfahrung.
Außerdem: Die eigene Beeinträchtigung als Kompetenz für ein Stelle – das interessiert uns immer. Daher dieses Interview:

Wie lange schon habt ihr bei agisra Frauen mit Behinderung im Blick?
Agisra: Wir hatten oder haben immer wieder Migrantinnen* oder Geflüchtete* mit Be_hinderungen in Beratung. Vor allem wenn es um aufenthatlsrechtliche Fragen oder Gewalterfahrungen geht, werden die Frauen* von anderen Beratungsstellen zu uns vermittelt. Es ist uns klar geworden u.a. auch durch persönliche Erfahrungen, dass die Lebenslagen bei diesen Frauen* viel komplexer sind und es kaum Unterstützungsangebote gibt, die gezielt diese Gruppe ansprechen. Die politische Situation, der ganze Gesundheitsbereich, aber auch der Weg aus der Gewalt für Migrantinnen* mit Be_hinderungen – all das ist nochmal schwerer. Wir hatten bis jetzt aber keine Finanzierung und keine Expertise auf dem Gebiet. Wir sind bei agisra relativ am Anfang, vor allem was die politische Arbeit, die Öffentlichkeitsarbeit, aber auch die rechtliche Auseinandersetzung mit der Inklusion, die Migrantinnen* und Geflüchtete mit Be_hinderungen betreffen, daher sind wir sehr froh über alle Infos und Hinweise!
 
Was habt ihr konkret vor?
Agisra: Wir konnten jetzt, erstmal für ein Jahr, zwei Teilzeitstellen einrichten. So wollen wir gezielt Migrantinnen*, die Mütter von Kindern mit Be_hinderungen sind, und Migrantinnen* mit Be_hinderungen, die Gewalt erlebt haben, ansprechen und unterstützten.
 
Ihr wünscht euch ja eine Sozialarbeiterin*, die nicht nur Erfahrungen aus dem Migrationskontext hat, sondern auch selbst mit Beeinträchtigung lebt. Wie gut seid ihr denn vorbereitet?
Agisra: Ich muss ehrlich sagen, dass wir leider noch keine barrierefreien Büroräume gefunden haben. Aktuell haben wir zwar einen Fahrstuhl, aber keine Rollstuhlgerechte Toilette... Wir sind aber sehr flexibel und offen Dinge auszuprobieren und hatten auch schon Erfahrungen mit einer Kollegin* mit Sehbeeinträchtigung. Wir können mittlerweile Beratungen auch per Video anbieten und werden uns auch um barrierefreie Räume bei Bedarf für die Beratungen bemühen.
 
Was ist euch noch wichtig für die Kollegin?
Agisra:
Die Agisra Arbeit ist immer auch eine politische Arbeit. Wir werden aktiv werden, damit auch Migrantinnen* und Geflüchtete* mit Be_hinderungen leichtere Wege aus der Gewalt bekommen, gut informiert werden und sich strukturell etwas ändert. Dazu werden wir Öffentlichkeitsarbeit im Projekt machen, Workshops anbieten und uns mit bekannten Akteur*innen vernetzen. Die neue Kollegin* soll sich das vorstellen können. Sie muss nicht alle Qualifizierungswüsche oder das Wissen komplett mitbringen, aber sich einarbeiten wollen und unsere politische Haltung teilen.

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Mädchen fordern: Unsere Rechte - unsere Zukunft. Werkstattgespräch am 26.4.2021.

Ein Mädchen im Rollstuhl steht am Strand und reckt die Arme zum Himmel. Daneben steht vor altrosa Hintergrund: Unsere Rechte - unsere Zukunft! Mädchen*arbeit inklusiv in NRW. 26.4.2021, 10 - 13 Uhr.

Wie sieht eigentlich die Situation von Mädchen* mit Beeinträchtigungen 12 Jahre nach in Kraft treten der UN Behindertenrechts-Konvention aus? Hat sich die bisherige Umsetzung auf Leben und Zukunftsperspektiven von Mädchen eigentlich schon positiv ausgewirkt?

Dazu haben wir zusammen mit der LAG autonome Mädchenhäuser/feministische Mädchenarbeit NRW e.V.
Fachstelle Interkulturelle Mädchenarbeit NRW ein Diskussionspapier geschrieben. "Unsere Rechte - unsere Zukunft" heißt es und wir suchen nun das Gespräch darüber. Erstmals am 26. April, 10-13 Uhr (per Zoom) wollen wir wissen:

• Decken sich unsere Beschreibungen mit Ihren Erfahrungen?
• Wie können wir in Nordrhein-Westfalen effektiver die Inklusion von Mädchen* mit Behinderung vorantreiben?

Wir legen in unserer Arbeit den Fokus auf Mädchen*, aber viele Aussagen treffen sicher generell auf alle Kinder und Jugendlichen mit Beeinträchtigung zu.

Anmeldung ist noch möglich an lagam@web.de

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Zu Gast im Netzwerk: Lisa Eiynck & David Krützkamp vom Büro für inklusive Medienbildung

Digitale Fragestunde: Macht euch schlau!

Auf einem Zoom-Bildschirm sind in je einem Fenster zu sehen: Lisa, eine junge Frau mit langen dunklen Haaren; David, ein junger Mann mit Brille und kahlrasiertem Kopf, zwei gezeichnete Frauen und drei grüne Fragezeichnen.

Stellt uns eure Fragen und macht euch schlau!
Englische Wörter, veraltete Geräte, immer wieder neue oder geänderte Programme:
Das macht es für viele Frauen schwer,
  • sich zu orientieren und zurecht zu kommen,
  • ein Programm wie Zoom überhaupt ans Laufen zu kriegen
  • oder in installierten Apps oder Programmen tatsächlich alle Möglichkeiten zu nutzen.
Lisa Eiynck und David Krützkamp von NetzStecker, dem Büro für inklusive Medien, erklären auf Facebook und Instagram regelmäßig Technik-Themen in einfacher Sprache.
 
Am 21. April ab 17 Uhr beantworten sie per Zoom unsere und eure Fragen und geben Tipps.
 
Meldet euch an unter: info@netzwerk-nrw.de
Wir schicken euch dann am Mittwoch den Zoom-Link.

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Von Frauentag bis Wahlrecht: Infobrief zum Thema Mut haben

Die obere Hälte vom Infobrief, mit dem Logo, einem Foto der Künstlerin Annette Jablonski vor einem Ihrer Bilder und der aufschrift "
Titelseite vom Infobrief "Mut machen!"

Im ersten Rundbrief 2021 geht es um den Mut und das Mut Machen. Um den Mut im Alltag und den Mut, etwas Großes zu ändIm ern, vielleicht mit ganz kleinen Schritten.

Der Infobrief kann als barrierearme PDF unten heruntergeladen werden.

Außerdem haben wir ihn langsam vorgelsen und zeigen dazu die Bilder und Fotos in Großaufnahme in einem Youtube-Video

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Pressemitteilung: Wer gehört dazu?

Frauen mit Behinderung und andere marginalisierte Gruppen endlich in allen Studien und Berichten berücksichtigen!

Eine Frau im Rollstuhl hält ein Schild in die Kamera: Muss ich mich als Frau unterordnen?
Foro vom letzten Präsenz-Plenum: Eine Netzwerk-Frau im Rollstuhl hält ein Schild in die Kamera: Muss ich mich als Frau unterordnen?

Am internationalen Frauentag kritisieren SoVD NRW und Netzwerk Frauen und Mädchen mit Behinderung/ chronischer Erkrankung NRW (Netzwerk NRW) den Ausschluss wichtiger Zielgruppen aus Berichten und Studien der Landesregierung: Im Zentrum der Kritik steht die unzureichende Berücksichtigung von Frauen mit Beeinträchtigung in der sogenannten Dunkelfeldstudie zu „Sicherheit und Gewalt in Nordrhein-Westfalen“

Die Kritik:

Während beide Organisationen das Vorhaben einer solchen Dunkelfeldstudie generell loben, fällt die Kritik an der methodischen Umsetzung sehr deutlich aus. Besonders die weitgehende Ausklammerung von Zielgruppen, wie vor allem der Frauen mit Behinderung, aber auch der Transfrauen, in einem angeblichen Grundlagenpapier, stößt auf Unverständnis. „Wir erleben immer wieder: Von Gewalt betroffene Frauen mit Behinderung werden nicht ernst genommen. Ihnen wird Glaubwürdigkeit oder sogar die Kompetenz abgesprochen, Gewalt zu erkennen “, sagt Claudia Seipelt-Holtmann, Sprecherin des Netzwerks Frauen und Mädchen mit Behinderung/ chronischer Erkrankung NRW.

Die gesamte Pressemitteilung kann hier heruntergeladen werden:

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Pressemitteilung

Frauen mit Behinderung spielen eine wichtige Rolle im Gewaltschutz.

Wirksam gegen Gewalt: Nur gemeinsam mit Betroffenen.

Diese Bilanz zogen Expert*innen aus Beratung, Gewaltschutz und Werkstätten am 3. März in unserer NRW-weiten Fachveranstaltung zum Ende des Projekts „Sicher, Stark und Selbstbestimmt“, kurz: SiStaS. Fast 90 Teilnehmer*innen an 60 Bildschirmen sprachen über Erfolge und offene Fragen. Werkstatt-Frauenbeauftragte diskutierten dabei mit Expert*innen aus Gewaltprävention und Opferschutz, aus Hochschulen, Ministerium und den Landschaftsverbänden. Sie waren sich einig: Mit der richtigen Unterstützung können Frauen auch trotz stärkerer Beeinträchtigung in Netzwerken mitarbeiten und so bei Gewalt besser weiterhelfen.

Online-Teilnahme als Vertrauensbeweis

Die aktive Teilnahme von 22 Frauenbeauftragten an einer Online-Tagung ist nicht selbstverständlich. Die Frauenbeauftragten hatten schon am Vortag Gelegenheit zum Austausch über eigene Themen, das hilft. „Wir haben im Projekt gelernt, immer mit viel Zeit zu planen“, erläutert Elena Doudis das Konzept. „Wir vermeiden Überforderung, präsentieren Inhalte für alle Sinne, gehen auf sie zu– all das erleichtert den Frauen die Mitarbeit.“ Viele Mails zum Projektende und das sehr schön Feedback bei der Tagung bestätigten unseren Ansatz und die Bedeutung der Arbeit

Wie geht es weiter?
Das Projekt SiStaS läuft Ende März aus. Angesichts der belasteten Situation von Frauenbeauftragten und von Frauen aus Wohneinrichtungen und Werkstätten durch Corona ist aber weitere Unterstützung erforderlich.
Der Antrag auf Weiterförderung ist geschrieben. Jetzt heißt es abwarten. Die Pressemitteilung gibt es hier:

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Schickt uns Videos zum One Bilion Rising-Tag!

Tanzen für ein gewaltfreies Leben -  One Billion Rising:  Schickt uns eure Tanzvideos bis zum 11. Februar!  Wir bleiben sichtbar trotz Corona. Zwei gezeichnete Figuren tanzen, eine davon sitzt im Rollstuhl. die Logos vom Netzwerk NRW und KSL NRW

Tanzen gegen Gewalt!

Am 14. Februar ist wieder „One Billion Rising“-Tag. Weltweit werden dann zahlreiche Frauen gegen Gewalt tanzen. Ein wichtiges Zeichen auch für uns, denn: jede 3. Frau mit Behinderung ist von körperlicher und/oder sexueller Gewalt betroffen. In diesem Jahr findet der Aktionstag online statt. Wegen Corona.

Zusammen mit den KSL NRW möchten wir online sichtbar sein und mit euch tanzen. Wenn du Lust hast mitzumachen, dann sende ein Tanz-Video bis zum 11. Februar an das Netzwerkbüro: Info@netzwerk-NRW.de
Hier kannst du die Musik hören: http://www.onebillionrising.de/musik-seite/

Gemeinsam mit anderen eingegangenen Videos wird es zusammengeschnitten und veröffentlicht!

Wir freuen uns auf deinen Beitrag!

Wir sind alle keine Tanzmeister*Innen, aber falls du noch üben willst:
Am Mittwoch, dem 10. Februar bietet das WeiberNetzwerk eine Übungsstunde für alle an.
Hier kommst du zur Anmeldung: https://frauenbeauftragte.weibernetz.de/termin/one-billion-rising-2021.html

 

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„Der Wittekindshof ist die Spitze des Eisberges!“

Hubert Hüppe hat weiße, kurze Haare und helle Haut.  Er trägt einen hellblauen Anzug mit weißen Hemd und schwarzer Krawatte. Mit einem Lächeln verschränkt er die Hände und lehnt mit dem rechten Arm am Geländer.
Hubert Hüppe, ehemaliger Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung

Interview mit Hubert Hüppe über Misshandlungen in Institutionen und die politische Forderung nach garantiertem Zugang zur Außenwelt 

Die Nachricht über die Misshandlungen von Bewohnerinnen und Bewohner der Diakonischen Stiftung Wittekindshof in Bad Oeynhausen hat die behindertenpolitische Szene und auch viele Frauen in unserem Netzwerk erschüttert. Am 11. Januar hatten Staatsanwaltschaft und Polizei erklärt, dass gegen fast 150 Beteiligte, darunter acht Ärzt*innen ermittelt würde - wegen Freiheitsberaubung und gefährlicher Körperverletzung. Medienberichten zur Folge finden sich in den Akten „Hinweise auf möglicherweise illegales Einsperren, unerlaubtes Festschnallen auf Matratzen, Schläge, Tritte und den Einsatz von CS-Gas. Das Spray soll mit Geld der Einrichtung beschafft worden sein“ (Westfalenblatt vom 9.1.2021).

Die Misshandlungen erfolgten an Bewohnerinnen und Bewohnern einer Abteilung  für Heilpädagogische Intensivbetreuung. Es handelt sich dabei um Menschen mit sogenanntem herausforderndem Verhalten. Das heißt, die Menschen leben also mit Verhaltensweisen, die wegen ihrer Dauer, Stärke und Häufigkeit als erheblich, schwerwiegend und gravierend wahrgenommen werden. Wegen selbst- und fremd gefährdendem Verhalten brauchen diese Menschen umfassende Unterstützung und  besonders enge Betreuung. Anderseits sind sie im Zugang und in der Teilnahme an allgemeinen Angeboten und Diensten eingeschränkt (vgl. Dengler, Barbara 2017, S.8). Sie leben also in einer geschlossenen Abteilung.

Um die Gesamtsituation näher zu beleuchten sowie eine gesellschaftliche und politische Einordnung vornehmen zu können, hat das NetzwerkBüro ein Interview mit Hubert Hüppe (Unna) geführt. Der frühere Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderung der Bundesregierung sprach mit Referentin Maren Grübnau über politische Forderungen. Außerdem geht es im Interview auch darum, was Frauen mit Behinderung sowie das NetzwerkBüro selbst tun können. 

 

Sie haben sich schon mehrfach öffentlich zu den Vorfällen im Wittekindshof geäußert. Können Sie diese für uns noch einmal gesellschaftlich und politisch einordnen? 

Den Medienberichten nach wurden über viele Jahre Menschen mit aggressivem und autoaggressivem Verhalten, also gegen sich und andere, misshandelt. Sie wurden getreten, fixiert und mit Tränengas wurde besprüht. Niemandem ist aufgefallen oder keiner wollte davon wissen. Schon seit Mitte 2019 wurde in der Einrichtung wegen einer Anzeige ermittelt. Erst jetzt wird mehr und mehr das Ausmaß der Misshandlungen bekannt.

Offensichtlich hatten Angehörige Angst etwas zusagen, weil sie befürchteten, dass es ihren Verwandten mit Behinderungen noch schlechter gehen würde, Mitarbeiter haben Menschen gequält oder weggeschaut, Geschäftsführer verdienen gut und sind am Umsatz orientiert, gesetzliche Betreuer haben keine Zeit für so etwas, Aufsichtsbehörden sind unterbesetzt und nehmen ihre Aufgaben nicht wahr und schließlich ist die Politik vor Ort stolz auf ihre Einrichtung und die Arbeitsplätze, die die Sozialindustrie geschaffen hat. Im Kuratorium der Stiftung sind Landtagsabgeordnete aus allen Fraktionen Mitglied. Bei den Einrichtungen handelt es sich um abgeschottete Welten und nicht um Inklusion.

Angesicht der wieder wachsenden Zahl von Sondereinrichtungen glaube ich nicht, dass das ein Einzelfall ist, und tatsächlich wurden in der Vergangenheit in NRW auch schon andere Fälle bekannt, wo Menschen misshandelt und erniedrigt wurden.

 

Was muss aus Ihrer Sicht konkret verändert werden?

Es müssen Mechanismen aufgebaut werden, die es ermöglichen, dass sich Menschen mit Behinderung, die in Werkstätten arbeiten und in Wohneinrichtungen leben, an Personen außerhalb der Institutionen wenden können. Sie müssen in die Lage versetzt werden, dass sie ein Vertrauen dahingegen entwickeln, dass ihnen geholfen wird.

Es muss die Frage gestellt werden, wie beispielsweise den Frauenbeauftragten in Werkstätten und auch den Werkstatträten, eine Assistenz außerhalb der Einrichtung garantiert werden kann. Hier muss vermieden werden, dass ein Täter gleichzeitig bei einer Person die Assistenz übernimmt. Daher ist es wichtig, dass jede Person, die in einer Werkstatt arbeitet, in einer Wohneinrichtung lebt oder eine Förderschule besucht, einen garantierten Zugang zum Gewalthilfetelefon hat. Die Politik ist an dieser Stelle gefordert nach zu justieren. D.h. sie muss sicherstellen, dass jede Frau (und jeder Mann) mit Behinderung Zugang zum Telefon und zu digitalen Medien hat. Dadurch kann das Nachfragen bei der Aufsicht in der Einrichtung oder beim Mitarbeitenden, vor dem man Angst hat, vermieden werden.         

Eine weitere politische Forderung wäre, die Kontrollen zu erweitern. Offensichtlich reichen die Heimaufsichtsbehörden nicht aus oder sie sind unterbesetzt. Werkstätten werden von der Heimaufsicht überhaupt nicht geprüft. Auch müssen die Berufsbetreuer, die Geld erhalten für die Betreuung von Menschen mit Behinderung, die in Einrichtungen leben, stärker kontrolliert werden. Es ist erstaunlich, dass sie in Gesprächen mit ihren Klienten nichts mitbekommen haben wollen und auch keine Anzeichen von Misshandlungen wahrgenommen haben. Erst durch die Anzeige einer Schwester eines Bewohners kam der Fall ins Rollen.

 

Welche Forderungen stellen Sie an die Landespolitik NRW?

Es ist beim nordrhein-westfälischen Sozialministerium eine Projektgruppe eingesetzt worden, die den Vorwürfen gegenüber der Einrichtung nachgeht. Es gab einen Bericht des Ministeriums zu dem Thema im Landtagsausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales, in dem angekündigt wurde, eine Expertenkommission einzusetzen, die den Fall untersucht. Das begrüße ich sehr. Allerdings enttäuscht mich, dass sich der Landtag nicht besonders engagiert. In der Ausschusssitzung wurde mehr über neue strengere Betreuungsformen als über die Opfer gesprochen. Ich wünschte mir eine Landtagsdebatte. Ich fordere die Einsetzung einer Enquetekommission, in der das Thema strukturelle Gewalt in Sondereinrichtungen der Behindertenhilfe zum Thema gemacht wird. Beim Einbeziehen von Fachleuten muss darauf geachtet werden, dass Menschen mit Behinderung sowie Opfer, die es inzwischen zahlreich gibt, gehört werden, und nicht nur ausschließlich die Einrichtungsträger. Es muss der Frage nach gegangen werden, inwieweit die Sonderstrukturen zu solchen schlimmen Vorgängen beitragen.   

 

Wenn Frauen mit Behinderung selbst von Gewalt betroffen sind oder von Gewalt gegenüber anderen erfahren, was sollen sie Ihrer Ansicht nach tun?

Wichtig ist, dass Werkstatt- und Heimbeiräte und Frauenbeauftragte Gewalt in Einrichtungen generell zum Thema machen. Sie sollten Menschen außerhalb von Einrichtungen über Angriffe informieren.

Es gibt ein Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“, das 24 Stunden besetzt ist. Es hat einen barrierefreien Zugang. Unter anderem bietet es die Leichte Sprache und die Gebärdensprache an.  Man sollte alle Einrichtungen verpflichten, diese Nummer in den Einrichtungen auszuhängen. Allerdings muss auch gewährleistet sein, dass die Betroffenen freien Zugang zu einem Telefon haben.

 

Was kann aus Ihrer Sicht das NetzwerkBüro tun?

 Es ist erst einmal gut, dass es im NetzwerkBüro zu einem Thema gemacht worden ist.

Das Thema Gewalt und Erniedrigung in Sondereinrichtungen darf nicht einschlafen, sondern es muss langfristig bearbeitet und beobachtet werden. Es müssen politische Forderungen gestellt werden, sodass Vorkehrungen ergriffen werden. Ansonsten läuft bald wieder alles so weiter, wenn der Skandal wieder in Vergessenheit geraten ist. Dass, was im Wittekindshof passiert ist, darf sich weder dort noch anderswo je wiederholen.

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview genommen haben!

Literatur:

 Dengler, Barbara (2017): Wege zur Teilhabe. Herausforderndes Verhalten von Menschen mit Behinderungen. In: Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung – Landesverband Bayern e.V. (Hrsg.) (2017). 1. Auflage.

 

 

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